Böhmermann – mehr als eine Staatsaffäre

Veröffentlicht am April 17, 2016 von helmut mueller

Das Kapitel von der menschlichen Torheit ist noch lange nicht zu Ende geschrieben. Eine aktuelle  Randnotiz in demselben zeigt aber wieder einmal, wie souverän doch ein Dummkopf gesunden Menschenverstand und guten Geschmack zu ignorieren vermag. Nun wird Jan Böhmermann nicht in allen Augen ein Blödmann sein, ein geschmackloser Satiriker ist er ohne Zweifel.  Dass er seinen Mund etwas zu voll genommen hat, wird er spätestens seit der Erkenntnis, was er damit auch für seine persönliche Sicherheit heraufbeschworen hat, wohl begriffen haben.

Nein, mutig war das nicht, eher schon blöd, und nur weil um ihn herum es von solchen Blödmännern und leider auch -Frauen nur so wimmelt, ist das noch lange kein Grund den Nachahmer zu geben, so ein verlockendes Opfer der zu recht kritisierte Erdogan, dessen Türkei mit Sicherheit nicht europatauglich ist, auch sein mag.

Man könnte Böhmermanns Aktion zwar  auch als eine Steilvorlage für Erdogan sehen, aber das war wahrscheinlich gar  nicht die Absicht. Man fragt sich überdies, war der plumpe Satiriker überhaupt der Erfinder des ganzen Schwachsinns? Und da das ganze über einen öffentlich-rechtlichen Sender lief: wer förderte das nicht nur atmosphärisch im Hintergrund und was war der wahre Zweck? Sollte in Erwartung der offiziellen Reaktionen der Graben zwischen der Türkei und der Europäischen Union vertieft oder sollten gar die Fronten zwischen Islam und dem schwächelnden Abendland verstärkt werden?

Wie auch immer, die Konsequenzen der von den Verteidigern der „künstlerischen Freiheit“ als vernachlässigbare Angelegenheit angesehene Böhmermann-Einlage, könnten, auch wenn viele das heute nicht so sehen werden oder können, und selbst wenn vorübergehend eine Beruhigung eintritt, noch unangenehmer Natur sein. Als äußerst unangenehm empfinde ich aber jetzt schon den in diesem Zusammenhang vermittelten jämmerlichen Zustand einer Kulturnation, deren größte Geister angesichts der Niveaulosigkeit ihrer heutigen Kultur-Repräsentanten im Grabe rotieren müssen.

Also haben wir neben einer Staatsaffäre auch einen kulturpolitischen Skandal. Herrn Erdogan es hineinzusagen, dazu gebe es anspruchsvollere geistige Waffen wie auch andere Möglichkeiten, aber dazu ist man sowohl in der Politik als auch im ZDF anscheinend unfähig. Man könnte es auch so sehen: ein solches Gedicht ist darüber hinaus in Wirklichkeit der Ausdruck europäischer Hilflosigkeit, und besonders deutscher à la Merkel.

Dabei drängen sich  in der nämlichen Causa noch andere Fragen auf: Wie wäre es denn, wenn ein deutscher Satiriker ein drittklassiges Schmähgedicht dieser Art dem israelischen oder amerikanischen Präsidenten gewidmet hätte, ja wenn der Autor  gar ein rechter Publizist gewesen wäre? Da nun ja auch schlechter Geschmack angeblich keine Grenzen kennen darf, zumal wenn er sich unter dem Deckmantel der Satire austobt, fragt man sich doch, würde das dann wirklich in jedem anderen  kritischen Falle so gehandhabt werden wie in dem aktuellen? Würden dann die den ZDF-Moderator verteidigenden  edlen Ritter  der freien Meinungsäußerung ihrem Ideal zuliebe auch die giftigste Schmäh-Kröte schlucken? Das würde ich mir dann doch gerne einmal ansehen.

Wagen wir uns bei der Gelegenheit  in andere Gefilde vor, etwa in jenes schwarze Loch der Zeitgeschichte, das manches Aufhellende  zu verschlingen vermag. Würde es da ähnlich wie im konkreten Fall auch heißen können, „die verletzten Gefühle der …. dürften keinen Einfluss auf die Pressefreiheit in Deutschland haben“ (Bloggerin Doering)? Ich habe da meine Zweifel, auch traute sich wohl keiner, sich in einem solchen Falle auf den fälschlicherweise Voltaire zugeschriebenen Gedanken* zu  beziehen.

Daß heute ganz allgemein künstlerische Freiheit immer wieder nur als Vorwand benützt wird, um eine gewisse  Ideologie oder Einstellung zu transportieren und damit gleichzeitig eine konkurrierende hintanzuhalten, sollte dabei nicht übersehen werden. Tun können, was andere nicht dürfen, ist gewiss reizvoll.

Welche Lehren könnten wir also aus dem Fall Böhmermann ziehen? Dass Dummheit und schlechter Geschmack nicht aussterben, haben wir hier schon festgestellt. Soweit nichts Neues und nichts Weltbewegendes. Noch nicht. Ich sage das so, weil die Geschichte doch lehrt, dass selbst vernachlässigbar scheinende Dinge ihre Zeit brauchen, aber dann oft nachhaltiger wirken als so manch historisches „Event“.

Nun, wie ich schon sagte, wir werden es möglicherweise noch erleben, auch wenn die heikle Affäre dann  nicht die Hauptrolle spielen würde und Böhmermann, dessen gewundene Rechtfertigung, er habe ja vorher darauf  aufmerksam gemacht, dass man das nicht sagen dürfe, längst vergessen sein wird. Als wenn auch winziger, aber zündender Funke in einem hochexplosiven geopolitischen Gemisch könnte sich der Eklat Rückblickenden aber noch einmal in Erinnerung rufen.

*Ich missbillig, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.” – (Eigentlich von Evelyn Beatrice Hall stammend)

 

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