Deutschland bleibt Deutschland und Brautkleid bleibt Blaukraut

Egon W. Kreutzer – 31.08.2016  (zum Originalbeitrag)

Es geht nicht mehr.

Ein alter Scherz:

„Was ist der letzte Satz in der Hochzeitsnacht?“
„Keine Ahnung.“
„Willst du’s wissen?“
„Ja.“
„Dann nimm mal dieses Blatt Papier A4 und falte es einmal in der Mitte(1).“
„Hab ich.“
„Dann falte es nochmal zusammen(2). Und noch einmal(3), und noch einmal(4).“
„Und jetzt?“
„Noch einmal(5)! Und noch einmal!(6)“
„O.k., und was kommt jetzt?“
„Noch einmal zusammenfalten!“

„Tut mir leid, aber beim besten Willen, es geht nicht mehr!“

Ich möchte wissen, wie einige Medien in ihren Überschriften auf die Idee kommen konnten, Angela Merkel habe Fehler in der Flüchtlingspolitik eingestanden. Nach meinem Dafürhalten hat sie gerade das nicht getan!

Wer antritt mit dem Spruch:

„Deutschland bleibt Deutschland“, und dann wieder erklärt, „Wir schaffen das“, beharrt stur wie 10 russische Panzer auf dem Standpunkt, dass von Anfang an alles richtig war, und dass die kleinen Schwierigkeiten, die es gegeben hat, vor allem darauf zurückzuführen sind, dass die europäischen Nachbarn diesen Standpunkt nicht teilen wollen. Sonst hätte es überhaupt keine Probleme gegeben.

Wer die gerechtfertigten Befürchtungen der Bevölkerung, die von Polizei und Diensten geteilt werden, mit dem lockeren – und fürwahr blödsinnigen, weil vollkommen an der Sache vorbeigehenden – Spruch abtut, der Terror sei nicht mit den Flüchtlingen gekommen, sondern schon vorher da gewesen, zeigt ein Ausmaß an Realitätsverlust, das den Eindruck: „Verdammt nochmal, es geht wirklich nicht mehr!“, zwingend hervorruft.

Ist es total an ihr vorbeigegangen, dass mehrere Schiffe zwischen Nordafrika und Süditalien einen regelrechten Pendeldienst für Zuwanderer unterhalten und diese schon nach wenigen Seemeilen aus ihren seeuntüchtigen Booten aufnehmen?

Ist es total an ihr vorübergegangen, dass alleine gestern 7.000 Migranten, hauptsächlich aus afrikanischen Staaten, aus dem Mittelmeer gefischt wurden?

Vermutlich ist das nur der Auftakt zur zweiten großen Welle, die sich nun ziemlich genau nach einem Jahr in Marsch setzt. Aber es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Italiener den Weg nach Österreich freimachen werden und dass die Österreicher freundlich nach Deutschland durchwinken, was da neu ankommt.

Da wird sich die Freude über die leerstehenden Notunterkünfte bald wieder in die kostspielige Frage an die Landräte und Bürgermeister umkehren, wohin mit den Menschen, woher das Geld nehmen, das für ihre Unterbringung benötigt wird. Zumal mit der Sanierung der heruntergewirtschafteten Turnhallen und anderer Notunterkünfte noch gar nicht begonnen worden ist.

Hätte Angela Merkel eingestanden, dass ihr Verzicht auf Grenzkontrollen ebenso falsch war, wie die fehlende Konsequenz bei der Registrierung und bei der Prüfung der Asylanträge, hätte sie eingestanden, dass es ein Fehler war, nicht Asylberechtigte nicht schon an der Grenze zurückzuweisen oder zumindest schnell wieder abzuschieben, dann hätte sie gleichzeitig auch dafür sorgen müssen, dass diese Maßnahmen, und damit die Wiederherstellung der Beachtung der geltenden Gesetze, die sie nun ein Jahr lang schlicht ignoriert hat, ab sofort ergriffen werden.

Sie hat beides nicht getan und uns mit dem Satz abgespeist, Deutschland habe schon viele Veränderungen erlebt und sei trotzdem stets Deutschland geblieben.

Boahhh! Das knallt rein, eh!

Sie sieht das wahrscheinlich ebenso, wie bei der Sozialen Marktwirtschaft. Die hat auch viele Veränderungen erlebt, ist vor lauter Neoliberalisierung gar nicht mehr als solche zu erkennen, aber das, was jetzt „Wirtschaft“ ist, wird von ihr bedenkenlos weiterhin als Soziale Marktwirtschaft ausgebeben.

Gleiches gilt für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Die heißt auch immer noch so, obwohl spätestens seit Gerhard Schröder das Godesberger Programm strikt abgeschirmt und für Interessierte vollkommen unzugänglich unter einem Glassturz im SPD-Museum im Willy-Brandt-Haus aufbewahrt wird.

„Brautkleid bleibt Brautkleid und Blaukraut bleibt Blaukraut“, dient wenigstens noch zur schauspielerischen Sprechschulung. „Deutschland bleibt Deutschland und – nun ja, meinetwegen – Zinnkraut bleibt Zinnkraut“, ist selbst für den Michel inzwischen als Schlafmittel zu schwach, um damit die nächsten Wahlen zu gewinnen.

(Wird das Zinnkraut gekaut, schmeckt es im Grunde nach nichts, knirscht aufgrund der Kieselsäure aber zwischen den Zähnen.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.