Pegida“ beim Chemnitzer Ostermarsch?

31.3.2018. Am Karfreitag nahmen wir am Chemnitzer Ostermarsch teil, der mit etwas über 200 Teilnehmern besser besucht war als der Leipziger Marsch eine Woche zuvor. Unser Plakat „Hände weg von Venezuela!“ war natürlich wieder mit dabei.
Als erster Redner sprach Rainer Braun, Altvater der Friedensbewegung, der uns aber etwas unangenehm aufgefallen war, als er vor ein-zwei Jahren Mitglieder der Friedensbewegung, die nicht seine ideologischen Auffassungen teilten, ausgegrenzt hatte, darunter jene Anhänger des umstrittenen Aktivisten und Journalisten Ken Jebsen.
Wie es der Zufall will, sollte dieses Mal ein ähnliches Problem die diesjährige Friedensdemo überschatten. Einer der Organisatoren verkündete, daß sie Informationen hätten, daß Mitglieder von PEGIDA beim Marsch dabei sein würden, was man aber nicht wolle. Alle drehten sich um und sahen sich fragend an, niemand outete sich.

Der Organisator verkündete weiter, daß ihm die Polizei gesagt hätte, daß man diese Demonstranten nicht ausgrenzen dürfe, aber erklärte ganz klar, daß man sich von Rassismus und Hetze distanziere, was von der anwesenden Mehrheit einhellig begrüßt wurde.
Damit könnte sich die Sache eigentlich erledigt haben, doch einige Teilnehmer ritten offenbar nur zu gern auf diesem Thema herum.
Als erstes sprach eine Lehrerin, die sich weigerte, mitzumarschieren (war sie bloß zu faul zum Laufen?), wenn PEGIDA-Anhänger teilnehmen würden. Doch was ist das für ein pädagogischer Ansatz? Ausgrenzung statt Dialog – widerspricht dies nicht den Grundwerten der Friedensbewegung?
Was macht die Dame, wenn sie Kinder von PEGIDA-Anhängern unterrichten muß? Wirft sie diese aus dem Unterricht? Diese Haltung traf bei uns eher auf Unverständnis, zumal sich die angeblichen PEGIDISTEN ja ruhig verhielten und gar nicht offen outeten, geschweige den Parolen riefen oder Plakate mitgebracht hatten.

Ob mit oder ohne Frau Lehrerin, der Marsch setzte sich jedenfalls in Bewegung. Beim ersten Stop sprach ein junges Mitglied einer antirassistischen und flüchtlingsfreundlichen Initiative.
Dieser wandte sich natürlich scharf gegen „rechtspopulistische“ Gruppen wie PEGIDA und AfD, was – nachdem er diese mehrfach beschimpft hatte – den ersten Widerspruch hervorrief.
„Sollte man nicht mal versuchen, einen gemeinsamen Nenner zu finden?!“ rief jemand aus dem Publikum, der aber rasch niedergebrüllt wurde. Andere Wortmeldungen waren nicht zu verstehen.

Dieser Vorfall bestimmte die Diskussion der Demonstranten untereinander für den Rest des Tages und das eigentliche offizielle Thema, Frieden mit Rußland wurde zum Nebenthema.
Die NEUE RICHTUNG vertritt hier ganz klar die Ansicht: „Der Frieden hat kein Parteibuch!“ Das bedeutet, daß theoretisch jeder mitmarschieren kann, der ernsthaft und glaubhaft für den Frieden eintritt, egal welche ideologische Ansichten er vertritt und ob er PEGIDIST, Moslem oder selbst Anhänger der NATO-freundlichen Altparteien ist, solange er respektvoll mit den anderen Teilnehmern umgeht und nicht versucht, den Ostermarsch zu instrumentalisieren. Notfalls muß eben ein Grundkonsens verfaßt werden, unter dem sich die Teilnehmer versammeln und den jeder akzeptieren muß.

Ein älteres Mitglied der Friedensmärsche erklärte uns, daß sich die linken Gruppen heute fast ausschließlich über Abgrenzung definieren und jeder daher seine eigene Sondergruppe gründet, statt nach gemeinsamen Inhalten zu suchen. Deshalb sei die westdeutsche Linke ja auch seit Jahrzehnten so ein zersplitterter Haufen. Alle redeten von „Einheit“, wedelten aber gleichzeitig mit ihrem eigenen Programm herum, unter dem sich alle zu vereinen hätten. Er bedauerte, daß dieser Ungeist nun auch in Chemnitz Einzug halte.

Eine Dame hinter uns diskutierte mit einem anderen Teilnehmer. Sie war offenbar dem Aufruf von PEGIDA im Internet gefolgt und erklärte, daß sie extra über 100 km gefahren sei, um an dieser Demo teilzunehmen, um ein Zeichen zu setzen. Ihr Schild um den Hals wies sie als Rußland-Freundin aus.

Die Route führte wieder auf den Schloßberg, wo die Hauptkundgebung inklusive Imbiß stattfand. Auch ein Mitglied der JUSOs sprach über den Ukrainekonflikt, vertrat aber sehr reißerische und einseitige Positionen.

Unser Plakat ernte deutlich weniger Aufmerksamkeit als letzte Woche. Nur eine Dame lobte uns, da wir uns mit dem Thema Venezuela befassen und nicht nur nach Rußland schauen würden.

Wir ließen den Tag mit einem Besuch der Stadt Zschopau und Schloß Wildeck ausklingen.

Kay Hanisch

Möchten Sie, möchtest Du dies kommentieren - wir freuen uns auf einen regen Gedankenaustausch . . .