Technische Politik ändern

Johannes Hertrampf – 20.05.2016

Unter Globalisierung wird die von den westlichen Industriestaaten unter Führung der USA betriebene Integration der Weltgesellschaft in das politisch-ökonomische System der westlichen Zivilisation verstanden, bei umfassender Ausnutzung der modernen Technik. Dementsprechend bezieht sich Globalisierung auf alle relevanten Lebensbereiche Wirtschaft, Technik, Politik, Konsum, Kultur, Bildung usw. Globalisierung ist so der Weg in die „Neue Weltordnung“, mit den USA als unangefochtener Führungsmacht an der Spitze.

Meistens wird die Globalisierung als direkte Folge des technischen Fortschritts definiert, womit vom eigentlichen Wesen abgelenkt wird, indem die gesellschaftliche Triebkraft verschwiegen und der Vorgang unmittelbar aus technischen Erfordernissen mit den dahinter stehenden naturgesetzlichen Notwendigkeiten abgeleitet wird. Die Globalisierung erhält damit den Anschein einer unabwendbaren Schicksalshaftigkeit. Eine derartige fatalistisch-objektivistische Sicht übersieht den Menschen als technisches Subjekt. Aber die Naturgesetze bestimmen nicht den technischen Verlauf. Die technische Entwicklung verläuft nicht nach einem „höheren“ Plan, sondern unterliegt den  menschlichen Interessen und Bedürfnissen. Die Logik, die dadurch zustande kommt, ist durch das fortwährende menschliche Interesse und Bedürfnis sowie durch die Naturgesetzlichkeit bestimmt. Dadurch entsteht der Eindruck einer geheimnisvollen Gestaltungsmacht. Der Mensch trägt dann keine Verantwortung mehr, sondern eben jenes fremde Wesen, dem der Mensch gehorcht. Verantwortlich gemacht werden kann höchstens noch der Konsument mit seinen endlosen Ansprüchen, der diesen Verlauf veranlasst. Von daher soll er nicht nur die Vorteile nutzen, sondern soll er auch für die Nachteile aufkommen und sich den Zwängen beugen. So argumentieren die Politiker. Sie entscheiden praktisch, wie sich der Konsument, der schuldhafte Verbraucher, zu verhalten hat.

Diese Art von technischer Begründung der Globalisierung sieht sich durch die Praxis bestätigt. Der profitorientierte technische Fortschritt dringt infolge der wachsenden Nachfrage in alle Regionen der Welt ein, mit gleichen Folgen und Zwängen. Die Waren-, Geld-, Informations- und Menschen-ströme werden größer, schneller und gleichförmiger. Es entstehen Netze von Umschlagspunkten, die den Fluss im Makro- und Mikrobereich sichern. Die Menschen gleichen sich in ihren Verhaltens-weisen und Wertungen an. Die nationale Besonderheit verschwindet, weil sie hinderlich ist. Wer zu diesen Netzen gehört, an ihrer Funktion teilhat, unterwirft sich bedingungslos. Wer nicht dazu gehört, ist ausgegrenzt, sozialer Ballast, überflüssig. Die Globalisierung ist der bestimmende Ausgangspunkt für die Bewertung gesellschaftlicher Vorgänge. Richtig ist, was ihr nutzt, falsch ist, was ihr zuwider läuft. Die Spaltung in Gewinner und Verlierer ist vorprogrammiert. Aber nicht nur das. Sie vergrößert sich, insofern die Technik effizienter wird. Und das wird sie mit steigender Einbeziehung der Naturgesetze.

Und dazu gehört, dass auch die dadurch bedingten Probleme in allen westlichen Industriestaaten  gleiche Formen annehmen, schließlich darüber hinaus auch in den Staaten, die sich als Konkurrenten gegen die Globalisierung aufbäumen, aber in ihrer technischen Politik nach dem gleichen Grundmuster verfahren. Das traf seinerzeit für die Länder des kommunistischen Blocks zu. Und das trifft heute für die Länder der BRICS-Staaten zu. Da sie noch keinen qualitativ anderen Weg gefunden haben, ist es nur eine Frage der Zeit, dass sie vor den gleichen Problemen stehen wie heute die westlichen Industriestaaten. Die einzige Möglichkeit einer solchen Zwangslage zu entgehen, liegt in der Alternative zur Globalisierung, in einer anderen Ausrichtung der technischen Politik, die neue Impulse für die technische Innovation hervorbringt.

Die westlichen Industriestaaten fassen eine solche Änderung nicht ins Auge. Sich den Herausforderungen stellen, bereit sein für strukturelle Reformen, ist die übliche Argumentation der Politiker. Und sie meinen damit, den anderen Knüppel zwischen die Beine werfen, Konflikte anzetteln, Bodenschätze ausplündern, Fachkräfte abwerben, über die Verschuldung sich die Ergebnisse der Arbeit der anderen aneignen und das ganze durch eine permanente militärische Bedrohung absichern. Den Völkern der westlichen Welt wird Globalisierung als einzige Möglichkeit zur Erhaltung ihres Wohlstands hingestellt. Vom linken politischen Flügel wird dabei auf die soziale Sicherheit gepocht, Globalisierung soll sozial verträglich sein. Vom rechten politischen  Flügel wird auf die Erhaltung der nationalen Eigenständigkeit verwiesen, die es zu wahren gilt. Damit wird versucht, die große Mehrheit der Menschen für die Globalisierung zu gewinnen. Von einer wirklichen Alternative ist bei beiden nichts zu spüren.

Einigkeit besteht bei allen Etablierten, den regierenden und den oppositionellen, darüber, dass man der Globalisierung folgen muss, weil man sonst verloren ist. Sie erkennen nicht die selbstverschuldete Perspektivlosigkeit, wenn sie diesen Weg fortsetzen. Sie erkennen nicht den Zwang zu einer Änderung der technischen Politik, weil die bisherige eine immer stärkere Destruktion der Naturumwelt und der Gesellschaft hervorbringt. Ersteres ist eine Folge, weil die Natur nur Mittel zum Zweck ist. Letzteres ist eine Folge, weil die Gesellschaft unfähig ist, der zunehmenden Befreiung der individuellen Subjektivität, die zur Stufe der allgemeinen individuell bestimmten Freiheit drängt, Rechnung zu tragen. Diese beiden Grundwidersprüche gären wie Hefe und zerstören die Gesellschaft.

Und weiter wird argumentiert: Technischer Fortschritt brachte für die Menschen schon immer Vor-und Nachteile. Dem Segen und Fluch der Technik kann sich infolge ihrer naturgesetzlichen Determination niemand entziehen, insofern er Bedürfnisse und Interessen hat, die er befriedigen will. Diese Janusköpfigkeit der Technik ziehe sich durch die ganze menschliche Geschichte, nur mit dem Unterschied, dass sich heute alles in viel größeren Dimensionen abspielt. Globalisierung greift also auf eine geschichtliche Erfahrung zurück und ist kein abenteuerliches Experiment. So werden seit je die Vorteile den Nachteilen gegenübergestellt und überwiegen regelmäßig, sonst würde der Mensch noch in der Steinzeit leben. Es gibt eine Vielzahl von Initiativen, um schädliche Wirkungen zu begrenzen, die vor allem das natürliche Gefüge schützen sollen, wenngleich der Druck zur raschen Umsetzung technischer Innovationen so groß ist, dass die destruktiven Auswirkungen unübersehbar zunehmen. Die sicherste Prophylaxe wäre die verbindliche, konsequente Technikfolgenabschätzung, aber das bedeutet Zeitverlust und Gewinneinbuße. So wird vertröstet und gemogelt, in der Hoffnung, dass es immer so weiter geht.

Dadurch aber, dass die Verkünder der Globalisierung nicht die große Linie des technischen Fortschritts näher ins Blickfeld rücken, sondern sich auf Soll und Haben in der Gegenwart richten, entgeht ihnen der Zusammenhang zwischen qualitativen technischen Einschnitten und gesellschaftlichen Umbrüchen. Sie blenden das qualitative Moment aus. Sie analysieren nicht den Zusammenhang zwischen technischem Fortschritt und gesellschaftlicher Veränderung, sondern reduzieren diesen auf die Bilanz von finanziellen Vor- und Nachteilen.

Schließlich kann man festhalten: Globalisierung ist weniger ein Führungskonzept als eine Verteidigung gegen die Kritiker. Ein analytisches Eindringen in den Zusammenhang von Technik und Gesellschaft benötigen die Globalplayer nicht. Sie schaffen Tatsachen. Was sie von ihren  Ideologen erwarten, sind Rechtfertigungen und Deutungen, die ein wohlwollendes öffentliches Klima schaffen. Die Entscheidungsträger haben ihre eigenen Kriterien. Obama hat erst kürzlich klargestellt, dass die USA auch im XXI. Jahrhundert an ihrem Führungsanspruch festhalten, dessen Eckpunkte sie bestimmen und niemand anderes.

Die Alternative zur Globalisierung kann nur ein anderer technischer Weg sein, auf dem das technische Subjekt und der Zweck der Technik sind neu zu definieren sind. Wie das Experiment des Sozialismus gezeigt hat, reicht es nicht aus, die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln zu verändern. Dadurch entsteht noch keine neue technische Politik. Die Technikentwicklung verlief wie unter kapitalistischen Verhältnissen. Entscheidend ist, sich über den Sinn der Alternative klar zu sein, zu sagen, was anders werden muss, weil die Grenzen des alten Weges erreicht sind.

Das technische Subjekt ist der Schöpfer der Technik. Die Alternative zum bisherigen Subjekt besteht darin, dass das Volk die technische Politik bestimmt, dass es die Rahmenbedingungen vorgibt, innerhalb derer die technischen Entscheidungen fallen.- Damit setzt das Volk, der Souverän, selbst die Bedingungen für die Realisierung seiner Bedürfnisse und Interessen. Es tritt direkt als technisches Subjekt in Aktion. Es überlässt diese Aufgabe nicht dem profitorientierten Unternehmer bzw. dem staatlich Beauftragten und muss dann mit deren Entscheidungen zurechtkommen. Das ist ein ganz gravierender Unterschied zum bisherigen Verständnis. Die spontane Technikentwicklung von heute – die zwar am Bedürfnis und Interesse der Menschen anknüpft, welches durch mediale Werbung sehr stark geformt wird, bis hin zur direkten Entfremdung – die sich letzten Endes am Profiterwarten des Unternehmers orientiert, ist damit passee. Sie wird ersetzt durch die demokratische Technikpolitik, bei der der Souverän bestimmt, welche technische Politik gemacht wird. Das bedeutet nicht die Abschaffung des kreativen, gewinnorientierten Privatunternehmers, sondern die Erstellung neuer Kriterien für sein erfolgreiches Handeln. Erneuerung braucht mehr Kreativität als bisher und braucht ihn dringend, deshalb eine andere Funktionsweise.

Aber es gibt noch eine zweite, ebenso gravierende Änderung in der technischen Politik. Das ist die Änderung des Zwecks der Technik. Gemeint ist damit folgendes. Der bisherige Zweck galt, allgemein gesprochen, dem Menschen. Je umfassender die Naturgesetze in die Technik einbezogen wurden, desto effizienter wurde der unmittelbare Zweck erreicht, desto größer waren aber auch die unbeabsichtigten Rückwirkungen auf die umgebende Flora und Fauna. Dieses anhaltende Phänomen, das man als Zerstörung der ökologischen Systeme bezeichnet, wird zwar erkannt, aber ihm wird nicht wirksam gegengesteuert. Das Artensterben ist vorprogrammiert. Daraus folgt, dass der Fortschrittsbegriff notwendigerweise ein anderer werden muss. Die Belastung der Umwelt durch materielle Rückstände, Strahlen, Lärm, Geschwindigkeit, nimmt vernichtende Dimensionen an. Der Mensch muss das Ziel der Erhaltung von Tier und Pflanze direkt in seine technische Zwecksetzung einbeziehen. Dabei geht es nicht allein um die Vermeidung diverser destruktiver Einflüsse, sondern um Schaffung von Möglichkeiten, die die Lebensbedingungen von Tier und Pflanze verbessern. Technische Politik muss den ökologischen Bedürfnissen Rechnung tragen. Die Schaffung von Naturschutzgebieten und Reservaten ist kein Ausweg, wenn um diese die Zerstörung der ökologischen Systeme immer hochgradiger wird.

Der Übergang zu einer neuen technischen Politik ist eine Kernaufgabe der gesellschaftlichen Erneuerung. Der technische Fortschritt ist das Gerüst des menschlichen Fortschritts. Der Mensch muss an diesem Gerüst weiterbauen und gleichzeitig seine Gesellschaft adäquat umorganisieren.

Es dürfte unbestritten sein, dass dieser Wandel nicht mit Appellen zu erreichen ist, sondern nur gelingt, wenn die materiellen Interessen der Mensch darauf ausgerichtet sind, sprich das Ware-Geld-System. Eine der größten Schwächen bisheriger Gesellschaftskritik war die Verneinung bzw. Unterschätzung der Rolle des Geldes. Wie man voraussetzen kann, dass die freie Individualität ohne Geld nicht möglich ist, so gilt das auch für den dritten technischen Typ. Wandel muss gewollt sein. Er stellt sich nicht von selbst ein und auch nicht per Dekret. Erst wenn er den Bedürfnissen und Interessen entspricht, werden die Menschen ihn vollziehen. Selbst wenn die Menschen vorsichtiger geworden sind, infolge vieler Enttäuschungen – dieser Zusammenhang wirkt, weil die Menschen materielle Wesen sind.

Wenn die Erhaltung des ökologischen Systems in den technischen Zweck eingehen soll, dann vor allem auf dem Wege über die Ware-Geld-Beziehungen. Tiere und Pflanzen können nicht selbständig an der technischen Entwicklung teilnehmen. Der Mensch übt die Vormundschaft über sie aus. Und das ist ein kardinaler Unterschied zur Globalisierung, die diesen ökologischen Zweck schon vom Ansatz her nicht enthält. Die Beibehaltung des bisherigen engen technischen Zwecks bei Anwendung modernster Technologien verursacht eine ständig größere Zerstörungskraft.

Gegenwärtig orientiert sich der technische Fortschritt am unmittelbaren menschlichen Bedarf. Die gesamten kostspieligen Nebenwirkungen werden weitgehend von der Gesellschaft getragen, wodurch diese in eine zunehmende Schieflage gerät. Diese Kosten müssen aber in die Herstellungskosten einberechnet werden, da sie echte Aufwendungen sind. Also: der Preis eines Produktes muss sich an den gesamten Reproduktionskosten bemessen, also auch die Kosten für die Nebenwirkungen enthalten, sonst entstehen völlig irreale Kosten-Nutzen-Aussagen. Je mehr der Preis eines Produkts die tatsächlichen Reproduktionskosten enthält, desto mehr wird der Produzent bei der Entscheidung für einen Technik diese berücksichtigen. Verursacht er hohe Nebenwirkungen, ist der Preis seines Produkts hoch. Verursacht er niedrigere Schadnebenwirkungen, ist der Preis des Produkts niedriger. Die Ware-Geld-Beziehungen müssen der neuen Technik den Weg ebnen.

Zu sagen, dass technischer Fortschritt positive und negative Folgen hat, hilft nicht weiter. Durch diese abstrakte Betrachtungsweise entgeht, dass den technischen Umbrüchen auch gesellschaftliche Umbrüche entsprechen. Den technischen Typen, Werkzeug, Maschine und Automat, entsprechen  Lebensformen, Freiheitsstufen und Arbeitsteilungen, entsprechen Bilder des Zusammenlebens. Die Vertreter der ahistorischen Betrachtung verkennen, dass die Menschheit vor allem deshalb die finale Krise der Zivilisation erlebt, weil sie in den Wirkbereich des dritten technischen Typs eingetreten ist und deshalb vor ihrer größten bewussten Umwälzung steht. Der an der Oberfläche bleibende Empiriker erfüllt damit die Erwartung an einen geistigen Erfüllungsgehilfen der Herrschaftsgesellschaft. Es wäre unsinnig, alle Widersprüche aus der Technik abzuleiten, aber sie ist die große umwälzende Kraft, mit der die Menschen aus diesen oder jenen Gründen nicht fertig werden, vor allem deshalb nicht, weil sie nicht willens oder fähig sind, ihr Zusammenleben neu zu gestalten. Der Weg zur neuen Freiheitsstufe ist beschwerlich.

Globalisierung ist ein falscher Umgang mit dem dritten technischen Typ, mit katastrophalen Folgen für die Menschheit.

Der Schritt in die Zukunft erfordert mehr Wissen und mehr Verantwortung als bisher. Geschafft wird er, wenn die Völker sich gegenseitig unterstützen, wobei jedes zuständig ist für das Territorium, welches es seit eh und je besiedelt hat. Dazu bedarf es keiner neuen Blöcke und keiner Festungen, sondern globaler Kommunikation, Absprache von Zielen und Kooperation.

 

Johannes Hertrampf – 20.05.2016

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