Vom Ursprung der Freiheit

Johannes Hertrampf – 10.07.2016

Es kommt nicht darauf an, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, sondern mit den Augen die Tür zu finden.

Werner von Siemens

 

Vom Ursprung der Freiheit             

Obwohl niemand ernsthaft bestreiten wird, dass die Technik für die Freiheit des Menschen von fundamentaler Bedeutung ist, gibt es darüber kaum eine Diskussion. Freiheit scheint eine so subtile Konstitution zu haben, dass sich gut über sie philosophieren lässt, ohne nach ihrer profanen Substanz zu fragen. Es ist überhaupt kennzeichnend für den Geist der Herrschaftsgesellschaft, dass sie die Menschen von den tiefer liegenden, naturgegebenen Zusammenhängen der Gesellschaft ablenkt und damit die Zukunft verbirgt. Bis in die jüngste Gegenwart sind der Alltag des Menschen und seine von den Herrschenden gesteuerte geistige Welt zwei kongruente Wirklichkeiten, zu denen es bisher keine Alternative gibt. Diese müsste eine unwiderstehliche Anziehungskraft besitzen, eine eigene Logik. Aber kann sich eine solche Alternative bilden, wenn die Herrschenden die Vorgänge unter Kontrolle halten?

Die Grenzen der praktisch-möglichen Freiheit werden von den objektiven Bedingungen abgesteckt, die den Menschen umgeben. Die Politiker und ihre Ideologen liefern dann die Begründungen für die reale Aufteilung des vorhandenen Freiraumes in der Gesellschaft. Die Grenzen der geistig-möglichen Freiheit  hängen weitgehend von den Maximen ab, die von den Politikern und ihren Ideologen als die gültigen verbreitet werden. Somit wirken die praktische und die geistige Freiheit in einem gestaffelten System von Grenzfaktoren, in dem auf der einen Seite die materiellen und auf der anderen Seite die geistigen Begrenzungen den Spielraum markieren. Freiheit ist nie grenzenlos. Die oft beschworene Unabhängigkeit der Kritik ist bestenfalls eine Absichtserklärung, die existierenden Grenzen zu überschreiten, was in geistiger Hinsicht eher möglich ist als in praktischer, vorausgesetzt, die Kritik bleibt nicht bei den Erscheinungen stehen, sondern hinterfragt die Bedingtheit der geltenden Maximen und Werte des Denkens und Fühlens.

Die Kritik der geistigen Freiheit, das Ausloten neuer Werte, ist der Hauptinhalt des alternativen geistigen Vorlaufs, die die praktische Freiheit dann gleichsam nach sich zieht. Diese Rolle kann die geistige Freiheit nur spielen, wenn sie der praktischen vorgreift, wenn sie die praktische Notwendigkeit ankündigt. Die Freiheit ist immer konkret und nicht beliebig. Ihre subjektive Besonderheit ist die Entdeckung neuer Verhältnisse des Menschen. Die oft geäußerte Ansicht, Freiheit auf willkürliches Auswählen zu reduzieren, übersieht den schöpferischen Aspekt der individuellen Entscheidung. Die Anhänger dieser  Auffassung machen es sich zu leicht. Sie stellen die Freiheit in der Gesellschaft auf die Stufe des Zufalls in der Natur.

Bezeichnend ist heutzutage, dass der Freiheitsbegriff mehr denn je auf die persönliche, individuelle Freiheit bezogen wird. Mehr Freiheit muss für den Einzelnen erfahrbar sein. Das Individuum gibt sich nicht zufrieden mit einer Freiheit, die als Einsicht in die Notwendigkeit beschrieben wird. Es ist nicht bereit, auf seine Einzigartigkeit bei seinen Entscheidungen zu verzichten. Eine Freiheit, die das Subjekt nur als ausführende Agens der geschichtlichen Notwendigkeit sieht, wird nicht angenommen. Eine fremdbestimmte Freiheit verliert ihre Fremdheit eben nicht dadurch, dass sie das Individuum in die notwendige Richtung drängt. Eine fremdgesteuerte Individualität ist ein Unding. In der freien Handlung trifft das Individuum seine eigene Entscheidung, lässt es sich von seinem Willen leiten. Im Unterschied zum spontanen Zufall muss das Resultat der Entscheidung allerdings für die Anderen besonders hilfreich sein. Diese Bedeutsamkeit für die Anderen unterscheidet Freiheit von Willkür, die es gerade umgekehrt sieht. Die Freiheit als Unabhängigkeit zu definieren, ist daher falsch, denn erstens ist der Entscheidende immer gebunden und zweitens schafft er mit seiner Befreiung neue Bindung. Richtig dürfte in dieser Hinsicht sein, bei mehr Freiheit von einer anderen Abhängigkeit zu sprechen, deren andere Bindekraft nicht weniger stark ist.

Die wirkliche Rolle des Menschen in der Welt hängt maßgeblich von der Technik ab, die ihm zur Verfügung steht. B. Franklins Satz, dass der Mensch ein „tool-making animal“ ist, ist ein genialer Hinweis auf die Besonderheit des Menschen im Vergleich zu allen anderen belebten Wesen und auf die herausragende Bedeutung des technischen Erbes im gesamten kulturellen Erbe. Der Mensch gebraucht nicht nur Dinge, die er vorfindet, er bearbeitet sie für seinen Zweck, er macht sie zum Werkzeug, um seine Überlegenheit zu sichern. Und wodurch erreicht er diese bessere Zweckentsprechung, wenn er das Werkzeug formt? Kurz gesagt dadurch, dass er das Zusammenwirken von Naturgesetzen optimiert, zunächst durch empirische Korrektur und schließlich durch theoretische Analyse. Auf den ersten Blick scheint es so, dass sich der Mensch durch die Technik von der Natur entfernt, indem er ihre Bildungen moduliert und nicht einfach übernimmt, beim näheren Hinsehen erkennt man, dass er sich mit Hilfe der Technik tiefer in die Natur hineinarbeitet, indem er spezifiziert, indem er immer genauer die Erscheinung von Naturgesetzen seinen Handlungen  anpasst. Er kann mit ihnen umgehen. Sie wirken nicht bloß auf ihn, sondern er wirkt durch sie. Durch die Technik ist und bleibt der Mensch ein Naturwesen, ist Gesellschaft ein spezieller Fall von wirkenden Naturgesetzen. Seine sozialen Verhältnisse müssen mit dem naturgesetzlichen Gehalt seiner Technik ins Gleichgewicht gebracht werden.

Von den technischen Erfindungen gehen ständig verändernde Impulse auf die Gesellschaft aus. Daher kann man sagen, die Technik ist der Schlüssel für die menschliche Entwicklung. Sie verändert kontinuierlich das Aussehen der Gesellschaft. Und da die neuen Ergebnisse nicht allen gleicherweise zugutekommen, gehen von ihnen Anstöße zur Umverteilung aus. Sie wirken in alle Bereiche. Selbst allein das Wissen um eine neue Technik hat zur Folge, dass der Mensch die Welt mit anderen Augen sieht, dass sich seine Weltanschauung ändert.

Wie wirkt sich technischer Fortschritt auf die Freiheit des Menschen aus? Zunächst durch die Freisetzung von Zeit, Schaffung eines noch unbestimmten Freiraums als Voraussetzung fort-schreitender Differenzierung von Tätigkeit. Das Brachliegen dieser Zeit als Arbeitslosigkeit ist ein Zeichen nachlassender Lebenskraft. Die Gesellschaft kann ihre Wachstumspotentiale nicht mehr ausschöpfen. Und weiter werden durch technischen Fortschritt neue sinnliche Erfahrungen gesammelt und geistige Fähigkeiten gebildet. Diese beiden Effekte wirken mit um so nachhaltigerer Intensität bei den Umbrüchen der technischen Typen Werkzeug, Maschine und Automat.

Technik ist eine fest determinierte, beliebig oft wiederholbare, eindeutige Wirksynthese von Gegenstand, Mittel, Energie und Steuerung, die vom Menschen ausgeht, bei der seine Individualität jedoch nicht gefragt ist. Und doch fördert die Technik diese wie keine andere subjektive Äußerung. Sie schafft gleiche Erfahrungen, Werte und Interessen als Voraussetzungen für eine gemeinsame Ordnung und Kommunikation. Die Wirksamkeit der Werkzeugtechnik hängst ab vom technischen Mittel, von der Muskelkraft und von der Fähigkeit, das Zusammenwirken von Mittel, Gegenstand und Energie zu steuern. Bei der Maschinentechnik tritt das Subjekt schon etwas zurück, insofern es nicht mehr die Energie liefert, mit der das Mittel auf den Gegenstand wirkt. Diese Energie wird von außen zugeführt. Dafür erhöht sich die Anforderung an das Steuervermögen. Das Zusammenwirken von Mittel und Gegenstand wird unter Ausnutzung einer fremden Kraft vom Subjekt gesteuert. Beim dritten technischen Typ, dem Automaten, wird bei der Einwirkung des Mittels auf den Gegenstand ebenfalls fremde Energie genutzt, wobei der Vorgang durch ein spezielles Steuersystem in Gang gehalten wird, so dass der Mensch nicht mehr direkt am Vorgang beteiligt ist. Menschliche Kraft und menschliches Steuervermögen sind als Begrenzungen der Technik überwunden.

Der Übergang von der Werkzeug- zur Maschinentechnik leitete einen kulturellen Umbruch ein, der die Zivilisation hervorbrachte. Mit dem Übergang zur Automation als dritten technischem Typ wird erneut ein gesellschaftlicher Wandel fällig – und man kann mit Fug und Recht sagen in heute nicht absehbaren Formen und Ausmaßen. Der Mensch geht also in eine unbekannte Zukunft. Diese Aussage ist insofern berechtigt, als sich der Mensch universell in der Natur bewegen wird. Dass das Resultat nicht vorhersehbar ist, wird in der Regel bemängelt, stellt in Wirklichkeit aber keinen Mangel dar. Die Bildung von neuen gesellschaftlichen Formen ist eine kollektive schöpferische Leistung und kann wie bei jeder schöpferischen Leistung nicht vorausbestimmt werden. Visionen sind eine irrlichternde Voraussage der Zukunft, die unnötige Konflikte in der Gegenwart hervorruft. Hilfreich ist dagegen, wenn der Mensch über brauchbare Maximen verfügt, er aus seiner Geschichte Zusammenhänge herausfiltert, von denen er sich leiten lassen kann, um den technischen Bedingungen entsprechende moderne Formen zu gestalten. Jede Generation hat das Recht und die Pflicht, ihr Zusammenleben umzugestalten.

Die körperliche und geistige Gleichförmigkeit bei Gebrauch von Werkzeug und Maschine empfindet der Mensch als Beschränkung seiner Freiheit. Technisches Verhalten ist streng geregeltes Verhalten. Der strenge Ablauf der Technik lässt keine bzw. nur enge subjektive Toleranzen zu. Technischer Fortschritt vergrößert die Freiheit der Menschen insgesamt, erzeugt aber zugleich Entfremdung beim Einzelnen, die sich als Druck nach Befreiung kundtut. Diese Widersprüchlichkeit ist bei den ersten beiden technischen Typen nicht nur unvermeidlich, sondern auch Fluchtantrieb in eine besondere geistige Welt. Kunst, Moral und Religion sind ohne diese technisch bedingte Entfremdung nicht vorstellbar. Das führte dann dazu, dass diese geistigen Bildungen als das eigentliche Reich des freien Menschseins angesehen wurden. Eine solche Interpretation ignoriert, dass die Entfremdung der spezielle Grund der geistigen Übertreibung ist, diese von jener abhängt. Die unfreie Wirklichkeit erzeugt das freie Jenseits, um der Wirklichkeit einen Sinn zu geben. Die geistige Überhöhung schuf  Hoffnung und ermutigte den Menschen, die Zivilisation durchzustehen.
Letztlich führt der technische Fortschritt zur Entfaltung der Individualität, nicht als Erreichen eines Endzustandes verstanden, sondern als einen fortlaufenden Prozess. Diese richtungsweisende Aussage ist von konstituierender Bedeutung für eine realistische Theorie der  Gesellschaft, weil sie die Tendenz des gesellschaftlichen Fortschritts aufzeigt. Das Individuum wird nicht vertreten, sondern tritt selbst in den Vordergrund. Wir erleben gegenwärtig, wie die EU-Führung gerade das Gegenteil tut, wenn sie als Reaktion auf den Brexit die Mitsprache des Volkes ablehnt und endlich einen echten EU-Staat fordert. Herrschaftsgesellschaft ist eine technisch bedingte gesellschaftliche Organisation, die man nicht vertiefen kann, wenn der dritte technische Typ Einzug hält. Wenn aus  dieser Tatsache Wunschdenken abgeleitet wird, das ihrem Interesse entspricht, wie bei der Globalisierung, sind die Damen und Herren bereit, der Technik entsprechendes Gewicht zuzugestehen. Wird jedoch die für sie unangenehme Schlussfolgerung gezogen, dass ihre Zeit abgelaufen ist, lehnen sie die Rolle der Technik ab.

Der technische Fortschritt drängt zur Herausbildung einer anderen Gesellschaftsform. Er drängt auf Erneuerung. Diese setzt sich weder hinter dem Rücken der Menschen durch, noch lässt sie sich  beschleunigen noch verhindern. Ihre Verfechter können sich auf den technischen Fortschritt als Garant des Wandels berufen. Ihr Optimismus ist durch diesen Fortschritt begründet, den die Menschen dank ihrer Interessen ständig in Bewegung halten. Infolgedessen erfinden sie die geeigneten gesellschaftlichen Formen und bestimmen das Tempo der Wandlung.

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die alternative Gesellschaft erste Züge annimmt, ist das Reich der Freiheit eine vorwiegend geistige Welt, fern in der Zukunft oder in der Vergangenheit liegend, aber auf jeden Fall nicht in der Gegenwart und das Reich der  Notwendigkeit ist die gegenwärtige Welt der Zwänge und der Gebundenheit. Gegen diese harte Entgegensetzung kann der Mensch zwar Sturm laufen, aber er kann sie nicht ändern. Der technische Fortschritt entscheidet letztlich darüber, welcher Freiraum insgesamt zur Verfügung steht. Die Teilhabe an ihm bedeutet für jedes Individuum zunehmende Ausprägung seiner subjektiven Besonderheit.


Hat die Diskussion über die Freiheit einen Nutzen? Oder ist ein abstrakter Freiheitswille ausreichend, um die Menschen zu motivieren? Wir sehen den Sinn einer solchen Diskussion in dreierlei Hinsicht:

  1. Die Kritik muss sich auf die gegenwärtige Freiheit richten, nicht den Blick in die ferne Zukunft, in die ferne Vergangenheit oder ins Jenseits lenken. Die Freiheit als individuelle subjektive Besonderheit findet ihre praktische Bewährung bei der Gestaltung der individuellen und gemeinschaftlichen Lebensumstände.
  2. Freiheitsgewinn durch Reformen ist ein fortdauernder Prozess. Die Vorstellung, durch einen Kraftakt die endgültige Freiheit zu gewinnen, ist eine Illusion.
  3. Wenn der Ursprung der Freiheit in der Technik liegt, muss man diesem Ursprung in der Gegenwart nachgehen. Die technische Politik der Gesellschaft muss bereinigt werden von ausweichenden Zwecken. Sie muss sich auf größten Freiheitsgewinn ausrichten.

Die Freiheit ist einer der Beweggründe in der ganzen Zivilisation, der die Menschen zu opferreichen Auseinandersetzungen veranlasste. Die Anlässe lagen immer in den jeweiligen Umständen. Es waren praktische und geistige Bedrohungen und Widerstände, die es zu überwinden galt. Die Freiheit stand so im Mittelpunkt des politischen Kampfes. Die Politisierung des Freiheitsbegriffes führte aber dazu, dass die ursächliche Begründung übersehen wurde. Es schien so, dass die endgültige Freiheit durch einen politischen Kraftakt erobert werden kann. Das Ziel der politischen Auseinandersetzung wurde damit idealisiert und imaginär und der Versuch endete jedes Mal mit einer Enttäuschung. Und nicht nur das. Sie behindert den Freiheitsgewinn, indem sie die technische Politik vom Bürger abschirmt und ihm die Zuständigkeit verweigert. Eine technische Politik über die Köpfe der Bürger ist undemokratisch und verhindert eine technische Neuausrichtung.

Gesellschaftliche Erneuerung ist eine nationale Aufgabe, zu der auch ein neuer Zusammenhang von Freiheitsgewinn und technischer Politik gehört. Das bisherige Verständnis von unternehmerischer Freiheit wird dem nicht gerecht. Zu einer Demokratisierung der technischen Politik gehört, dass der Bürger als Nutznießer des technischen Fortschritts in die Suche nach richtigen Entscheidungen einbezogen wird. Er muss sich also zum einen gegen die Einschränkungen des vorhandenen Freiheitspotentials durch die herrschende Politik wenden und zum anderen den Freiheitsgewinn durch technischen Fortschritt zielstrebig einfordern.

Die bisherige Zivilisationskritik verlegte den Freiheitsgewinn in eine ferne Zukunft – die soziale Kritik in eine säkulare Revolution und die religiöse Kritik in die Erlösung im Jenseits. Beides sind Reflexe auf die irdische Wirklichkeit. Marx wollte aus dem utopischen Sozialismus einen wissenschaftlich fundierten Sozialismus machen, durch eine historisch-materialistische Begründung des Weges dahin. Der Denkfehler war, dass es zu einer Utopie einen gangbaren Weg geben kann. Eine Utopie bleibt eine Utopie, sie ist unerreichbar. Und schließlich irrte er, dass eine Diktatur der Weg in die Zukunft sei. Die Hoffnung auf den Erfolg war damals stärker als die Vernunft. Die wirkliche Änderung muss sich auf demokratische Reformen stützen, denn mit dem Ende der Zivilisation läuft auch die Zeit der Illusionen ab.

 

Johannes Hertrampf – 10.07.2016

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