Warum jetzt? Die historischen Wendepunkte auf der Zeitachse eines Volkes können nicht willkürlich herbeigeredet werden, sondern unterliegen einem objektiven Konfliktpotential, das sich systematisch vor allem durch den technischen Vorlauf aufbaut und wirkt. Ein solches Ereignis ist die Koronakrise, die man dem Ende der Zivilisation zurechnen kann.

Diese letztlich sozialen Symptome bedürfen der subtilen Aufarbeitung durch Philosphen, Künstler und Sozialhygieniker, also Geistesarbeiter, die sich der ganzen Gesellschaft zuwenden und wie soziale Seismographen Änderungen bei Stimmungen in und bei Einflüssen auf die Gesellschaft registrieren, nicht zu verwechseln mit den werbeintensiven Modeerscheinungen. Die Produktivität solcher Symptome beginnt mit ihrem Auftreten und ihrem bewußten Einbringen als Töne in die soziale Kommunikation, die aufhorchen lassen. Der Wert solcher tendenziellen Ergründung neuer Kommunikationselemente liegt darin, daß auf ihrer Grundlage zu erwartende gesellschaftliche Konflikte mit abgesicherten Gründen bewertet werden können und das Vertrauen in die gesellschaftliche Entscheidung zunimmt. Der Geist der Gesellschaft, die neue Intonation in der Gesellschaft, sind Erscheinungen, die von den Einsichtigen der Gesellschaft begründet und definiert werden müssen. In der Regel wird dieser Prozeß durch die gesellschaftlich herrschende Schicht gesteuert und differenziert. In Gegensatz zu diesem herrschenden Geist der Zeit bildet sich ein Echo mit eigenständigem Inhalt, in dem die Beherrschten ihre Sicht der Zukunft anmelden. Die vernünfige Zukunft kommt nicht a priori  nur von einer Seite, sondern ist die demokratische Quintessenz aus der Meinungsvielfalt. Darin liegt der Wert der allgemeinen Zustimmung, bei gegenseitiger Toleranz unterschiedlicher Weltan-schauungn und Lebensweisen.

Der Geist der Zeit wird durch technische Neuerungen ausgelöst und differenziert sich unter Einbeziehung naürlicher Zusammenhänge auf den verschiedenen Gebieten. So wird aus der technischen Neuerung wissenschaftliche, künstlerische und moralische Neuerung, kraft der individuellen Eigenart des Subjekts. Wenn dieses Subjekt nicht zur Stelle ist, bleiben die neuen Möglichkeiten ungenutzt. Das ist z.B. dann der Fall, wenn die wachsende arbeitsfreie Zeit des Menschen nicht auf diesen Zweck eingestellt ist.

Arbeitsfreie Zeit ist eine besondere Form von Reichtum, eine Quelle irdisch begründeten Glücks, weshalb der Staat die Verteilung und die Nutzung der arbeitsfreien Zeit als Zweck der Arbeit und als Mittel zur Vergrößerung des Glücks seiner  Staatsangehörigen  mit größtmöglicher Verantwortung verwalten  muss. Dem Glück des Menschen liegt also die Lösung eines irdischen Problems zugrunde, das ihm möglich ist kraft seiner Individualität.

Der Zeitgeist ist seiner Herkunft nach spontanen Ursprungs, ein Lichtblick, der aus  der unendlichen Vielfalt menschlicher Individualität und unbegrenzter natürlicher Vielfalt entspringt. Er ist das Erlebnis von bisher unbegriffener Notwendigkeit und  individueller Kompetenz und macht bei vielen den Weg frei für neue Glücksgfühle.

Ein neuer Zeitgeist schafft neue Lebensfreude und Vertrauen in die Zukunft. Die von ihm ausgehende Hoffnung hat daher eine reale, wirkliche Grundlage im Unterschied zu jener, die sich nur auf das Recht auf Hoffnung beruft.

Wenn man hört, was manche führende Politiker zur gegenwärtigen Lage in Deutschland sagen, dann drängt sich der Schluß auf, daß sie die ganze Wahrheit dieser Krise nicht wahr haben wollen. Aber auch im Ausland, z.B. Österreichs Kanzler Sebastian Kurz mit seinr Voraussage, daß im Jahre 2021 die alte Normalität wieder zurückkehrt.

Wollen die demokratischen Kräfte ihren Einfluß erhöhen, dann sollten sie ihre Kräfte nicht nur auf die Erhöhung ihres politischen Einflussses aurichten, sonder ihre Käfte, soweit das heute möglich ist, stärker auf das konzentrieren, was im Alltag in der künftigen Gesellschaft stehen wird, wie neue Formen der Bildung und Erziehung der Kinder und Jugendlichen, der Umgang mit der zunehmenden arbeitsfreien Zeit, die Funktion des Menschen in der Gemeinschaft von Tier und Pflanze. Wir bauchen eine andere Einstellung zur Zukunft der Gesellschaft, eine frohe und zugleich neugierige Erwartungshaltung, anstelle von Gleichgültigkeit und Angst, die Geist und Energie des Menschen lähmen. Die heute vielfach von den Medien propagierte Konsum-orientierung läuft häufig auf einen fragwürdigen Umgang mit der Koronakrise hinaus, weil er die notwendige Erneuerung nicht als Gesamtaufgabe in den Mittelpunkt rückt.

Wollen die demokratischen Kräfte ihren Einfluß in der Öffentlichkeit erhöhen, müssen sie stärker die Aufmerksamkeit auf multifunktionale automatische Lösungen und auf die Erweiterung der direkten volkssouveränen Entscheidungsfindung lenken. Politisches Wirken muss auf Einsicht in gesellschaftliche Notwendigkeiten beruhen. Dazu zählt eben das Wissen um die Gründe der Krisen und die Entschlossenheit, Defizite in der volkssouveränen politischen Wahrnehmung auzuräumen. Das bedeutet letztlich nichts anderes, als bestimmte Folgewirkungen in einem zwangsläufigen Geflecht aufzuspüren und in diesem Geflecht nach Lösungen zu suchen, die den allgemeinen gesellschaftlichen Erwartungen gerecht werden. Das ist dann nicht nur eine entsprechende Folge der Beschaffenheit des Gegenstandes, sondern schöpft umfassender das zunehmende individuelle Potential der Gesellschaft aus.

Technischer Fortschritt steigert das Genußerleben, sorgt direkt und indirekt für Lebensgenuß. Diese Ausrichtung war der Hauptzweck der herrschenden Menschen, um als Herrschende ihren Lebensgnuß zu vergrößern und die Beherrschten in eine tiefe Abhängigkeit zu drängen. Mit derlei Aufgaben befaßt, schenkten die Herrschenden den Rückwirkungen der Technik auf die natürliche Umwelt keine Beachtung. Doch diese Gleichgültigkeit ist nicht mehr zulässig.

Deshalb sind die Herrschenden der Gegenwart nicht an der Aufdeckung dieser Zusammenhänge interessiert. Sie würde ihr Verschulden dokumentieren. Hier muss eine neue Richtung eingschlagen werden: kein Eingriff in die Natur ohne Aufklärung der Folgen für Tier und Pflanze, Aufgreifen des Gedankens der Technikfolgenab-schätzung und vor allem nicht ohne Blick auf die Förderungg einer partnerschaft-lichen Lebensgemeinschaft mit Tier und Pflanze. Das ist der Ausgangspunkt eines neuen Naturverhältnisses. Die Lösung der Koronakrise ist hier einbegriffen. Einflußreiche  Kräfte der Gegenwart wollen dagegen die Wiederherstellung der früheren Normalität. Die Lösung liegt aber vor uns in der konsequenten Schaffung einer neuen Normalität. Die kurzschlüssige Ausrichtung auf die frühere würde bedeuten, die Koronakrise zu vertiefen.

Johannes Hertrampf  – 27.08.2020